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Unser Gottesbild?

Vor einiger Zeit hatte ich eine intensiv-interessante und auch fordernde Diskussion zum Thema „Gottesbild“. Dabei kam die Frage auf: „Was haben wir für ein Bild von Gott und wie ändert sich dieses mit der Zeit?“

Zuerst einmal fiel mir dazu nur der Text aus der Bibel ein: „Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde.“ (Ex 20,4) Und ich fragte mich, wieso das denn überhaupt ein Thema sei. Allerdings zeigte sich sehr rasch, wie sehr wir tagtäglich mit verschiedenen „Gottesbildern“ konfrontiert werden, ohne dass uns dies vielleicht wirklich bewusst wird. Dabei geht es nun nicht um verschieden Ansatzpunkte durch andere Religionen, nein, allein das christliche Verständnis und der Zugang können hier sehr unterschiedliche, mitunter sogar gegensätzliche Aussagen treffen. Es zeigte sich relativ rasch, dass unser wahrscheinlich weit verbreitetes modernes Gottesbild, um es vorsichtig zu formulieren, sehr naiv zu sein scheint. Auf der einen Seite erinnern wir Christen den Herrn in Lobpreisungen daran, dass er die Welt geschaffen hat und wir arme Sünder sind, – ganz so als ob ihm das entfallen sein könnte. Dabei wäre es wahrscheinlich vernünftiger, sich selbst einzugestehen, dass man selber immer wieder vergesslich wird und Verfehlungen begeht. Doch Glaube und glauben mit Vernunft zusammen zu bringen, ist so eine eigene Sache.

Interessant erscheint hier, dass etwa Atheisten trotz einer sich rasant ändernden Welt meist von einer Unveränderlichkeit des Glaubens ausgehen. Nach ihren Vorstellungen haben Gläubige schon immer so über Gott gedacht, wie heute. Ungeachtet unseres wissenschaftlichen und technischen Scharfsinns ist unser religiöses Denken hingegen auf weiten Strecken auffällig unterentwickelt, ja man muss sagen, ganz einfach wirklich primitiv. Eigentlich wäre es die Aufgabe der Kirchen, hier eine gewisse Weiterentwicklung einzuleiten, doch da ist eher Verharren als Bewegung angesagt. Vielleicht auch, weil man befürchtet, sich dann von einigen liebgewordenen und mitunter einträglichen „Unwahrheiten“ verabschieden zu müssen und des weiteren in einen Erklärungsnotstand geraten würde. Die Frage, warum man denn dies nicht schon lange getan hat, wird immer schwerer zu beantworten sein. Wie auch immer, wahrscheinlich liegt es ja ebenso an den Menschen selbst, dass sie manches nicht verändern möchten, weil unsere Zeit sowieso permanent in einem ziemlich rasanten und nie dagewesenen Umbruch ist. Da ist so eine Rückzugsmöglichkeit in spirituelles „Heimatland“, in dem noch Alles an seinem Platz zu sein scheint, vielleicht eine Hilfe.

In dem Gespräch zeigte sich weiters auch, dass wir uns als Kind ein Bild von Gott zusammen zimmern, welches nur selten in späterer Folge weiter entwickelt wird. Meistens endet diese Entwicklung mit dem Ende der Unterstufe der Schulzeit und bleibt nachher eingefroren. Das ist gewiss einer der Hauptgründe, warum viele Menschen später mit Glauben und Kirche ihre Schwierigkeiten bekommen. Aus dieser Unsicherheit heraus wird dann, schon bei einem geringen Anlass, beiden schnell der Rücken gekehrt. Und dies, obwohl eine tiefe Sehnsucht nach dem „Mystischen“ stets noch mehr oder weniger stark vorhanden ist. Das zeigt sich darin, dass einige in andere Religionen abwandern und während andere hingegen zu „Atheisten“ werden.

Trotz allem allerdings bleibt „das göttliche Konzept“ in den Köpfen irgendwie vorhanden, denn es wird weiter viel darüber gesprochen und es durchzieht in vielfältiger Weise unser Dasein. Einige besonders aufgeklärte Zeitgenossen meinen dann ganz genau zu wissen, was Gott für einen Gläubigen so darstellt: das Höchste Wesen, das die Welt und alles in ihr geschaffen hat.

Erschrecken wir dann dabei, wenn klar würde, wie grob und unpräzise unsere Rede von einem Höchsten Wesen klingt, weil Gott eigentlich doch gar kein Wesen ist? – Und wie kommen wir eigentlich dazu, ihn als “gut”, “weise” oder “intelligent” zu bezeichnen? Viele Gläubige und die überwiegende Mehrheit der Theologen vertreten die Theorie, dass Gott ganz und gar transzendent sei. Aber trotzdem haben sie mitunter erstaunlich konkrete Vorstellungen, wer “ER – SIE – ES“ ist und was “ER – SIE – ES“ von uns erwartet. Und ganz abgesehen davon, neigen wir nicht selten dazu, sein uns unheimliches „Anderssein“ irgendwie zähmen zu wollen und ihn nach unseren Wünschen und Vorstellungen umzuwandeln – ja man könnte fast sagen, irgendwie gefügig zu machen. So wird Gott immer wieder angefleht, etwa eine Nation zu segnen oder die Königin oder den Präsidenten zu schützen, ebenso unsere Krankheiten zu heilen oder gar den nächstbesten Fußballverein zum Sieg zu verhelfen. Wie schon fast selbstverständlich, können wir dabei Spieler verschiedenster Mannschaften, aber auch andere Sportler, beobachten, wie sie mit großen Gesten der Anbetung im Stadion oder anderen Austragungsstätten vor dem Wettbewerb, höhere Unterstützung erflehen. Dabei sind deren Gegner doch wohl vermutlich auch Kinder Gottes und damit Gegenstand seiner Liebe. Was also denken wir uns dabei, und welche eigenartige Vorstellungen haben wir von Gott?

Darf sich denn unser Gottesbild ändern?

Wir Menschen sind visuelle Wesen und nicht wenige von uns denken und merken sich viele Dinge und Zusammenhänge einfach in Bildern. Die Einführung eines abstrakten Gottes, von dem man sich kein Bild machen kann und darf, fällt somit schwer – und das war schon immer so! Sowohl Archäologie, als auch die Religionswissenschaften enthüllen immer deutlicher, dass das Alte Testament kein Dokument der alt-israelitischen Religionsgeschichte ist. Das bedeutet, die Bibel erzählt uns sicher nicht, was wirklich gewesen ist. Vielmehr liefert sie uns eine Interpretation dieser Geschichte aus dem Blickwinkel der Zeit des perserzeitlichen und hellenistischen Judentums.

Somit präsentiert die Bibel keine Geschichte, sonder sie erzählt Geschichten. Und dabei waren die Verhältnisse, als die Geschichte mit Gott ihren Anfang nahm, auch nicht so einzigartig, als sie das versucht vorzugeben. Zahlreiche Hinweise der Archäologen deuten darauf hin, dass sich die Religion in den Königreichen Israel und Juda kaum von jenen der Nachbarn unterschieden haben. Auch im Land Jahwes wurden andere Götter verehrt und Bilder und Skulpturen angebetet. Manche Theologen charakterisieren die Religion des alten Israel als „Lokalausprägung nordwest-semitischer Religionen“. Somit kann man sagen, dass Jahwe selbst eine Geschichte des Werdens hat und sich aus verschiedenen Gottesbildern herauskristallisiert hat. Nicht zuletzt fanden aber auch ganz irdische Attribute aus dem Neuassyrischen Reich (ab dem 9. Jahrhundert v. Chr.) und dessen Königen Einfluss. Der Grund ist darin zu sehen, dass die Bibelautoren, schwankend zwischen Furcht und Faszination gegenüber Assur, den Staatsgott der Israeliten als „altorientalischen Despoten“ erschufen. Jenes alttestamentarische Gottesbild also, mit dem heute viele Menschen unserer Zeit ihre Schwierigkeiten haben und es somit ablehnen oder zumindest verdrängen.

Mit dem Untergang von Juda im Jahr 587 v. Chr. und der damit verbundenen Zerstörung des Tempels in Jerusalem entwickelte sich im Denken der Israeliten ein neues, form- und gestaltloses Gottesbild. Denn als transzendentes Wesen war er unzerstörbar, an keinen spezifischen Ort gebunden und für uns Menschen nicht fassbar – und konnte so Jahrtausende überdauern.

Doch wie schon gesagt, für uns visuell geprägte Wesen ist es schwer, uns keine Vorstellung von Dingen machen zu dürfen. Weshalb es wie eine Erleichterung erschien, dass wir spätestens mit Jesus wieder eine mehr oder weniger „reale“ Gestalt von Gott haben konnten. Doch auch diese blieb nicht konstant und änderte im Laufe der Geschichte ihr Bild. Zeigt sich zu Beginn des Christentums noch mehr die Darstellung des befreiten Auferstandenen und segnenden Christus, so trat mit dem Mittelalter immer mehr der gepeinigte und am Kreuz gestorbene Christus in den Vordergrund. Und dieses Bild blieb uns irgendwie bis heute erhalten.

Interessant ist dabei vielleicht die Reaktion von Kindern, wenn sie anfangen ihre Umwelt zu realisieren, und schauen, was sie so in den Kirchen finden. Die Frage, die dann irgendwie verstört, aber ehrlich kommt, „warum denn da jemand am Kreuz hängt“, kann man nur ebenso ehrlich beantworten: „Weil ihn noch niemand herunter genommen hat.“

Vielleicht mag sie, lieber Leser, dies nun erschüttern, aber genau betrachtet ist für viele Menschen dieses Bild nicht nur vertraut, es ist auch sehr angenehm. Das „ER-SIE-ES“ hat seinen fixierten Platz (am Kreuz), und man weiß, wo man sich hinwenden muss – mitunter auch räumlich. Die Vorstellung, dass wir in jeder Lebenssituation Gott ins Angesicht blicken (ob beim Duschen, beim Kochen am Herd oder beim Blick auf ein Werbeplakat oder in die Landschaft) oder wir vielleicht sogar wortwörtlich auf ihm stehen oder sitzen, mag irgendwie irritieren. Und doch passt sie genau in jenes transzendente, wesensfreie Bild, dass Gott Alles durchflutet und in Allem zu finden ist  Ich bin der «Ich-bin-da» (Ex 4,14).

Wir sehen damit, dass sich die Vorstellungen von Gott über die Jahrhunderte immer wieder geändert haben. Aber auch bei uns lebenden Menschen sollte, oder vielmehr muss sich die Vorstellung von Gott ändern, denn auch wir werden älter, reifer, erfahrener und verändern so unsere Sichtweise. Bleibt das Gottesbild also irgendwie in der Kindheit stecken, so wird eine vertiefte und reife Gottesbeziehung nicht eintreten. Die Gefahr, seinen Glauben deshalb zu verlieren und/oder rasch über Board zu werfen, wenn äußere Eindrücke nicht mehr zu passen scheinen, ist dann später groß. Eine gesunde und fundierte Weiterentwicklung des Glaubens, und damit des „Gottesbildes“, sollte daher jeder Christ als seine Pflicht ansehen und dafür Sorge tragen. Was aber auch die Kirchen nicht von ihrer Pflicht entbindet, ein zeitgemäßes Bild von Gott zu vermitteln. Womit wir zu der Frage kommen:

Ist Gott eigentlich noch modern?

Eine interessante Frage, denn heute gehen wir gern davon aus, dass “modern” zugleich “überlegen” bedeutet, und das stimmt sicher etwa im Bereich der Mathematik, der Naturwissenschaften, oder der Technik. Aber gilt es auch für die Religion? Überlegenheit darf im Religiösen eigentlich keine Kategorie sein, wird aber dennoch immer wieder angewendet, wenn es darum geht, „die Anderen“ auszugrenzen, ihr „Bild von Gott“ zu schmähen usw. Einer der Gründe, warum es dann zu Konflikten „im Namen des Glaubens“ kommt, nur weil wir einmal mehr Gott menschliche Züge verpassen wollen. Eine Rückbesinnung auf die Worte aus der sog. Bergpredigt sind hier sehr hilfreich: „Selig, die keine Gewalt anwenden; / denn sie werden das Land erben.“ (Mt 5,5).

Obwohl auf der einen Seite so viele Menschen heute den Glauben abzulehnen scheinen, erlebt die Welt gleichzeitig ein Revival der Suche nach dem Religiösen, und damit auch nach der Suche, wie wir uns Gott vorstellen können. Gott begegnet jedem Menschen in der Art, wie er oder sie es fassen kann. Somit ist das jeweilige Gottesbild ein ganz differenziertes und einmaliges. Gerade das unterstreicht den Satz aus Exodus 20,4 , denn es ist unmöglich sich ein Abbild zu machen, ohne ein anderes zu übersehen. Jeglicher Ansatz eines Bildes sprengt unsere Wahrnehmung und Vorstellung, da es das wahre Antlitz Gottes einengt bzw. limitiert. Besonders wenn manche hier nach einem männlichen oder weiblichen Gott fragen, führt dies einfach nur in eine geistige Sackgasse.

Damit liegt der Schluss nahe, dass es für uns nie leicht sein wird über Gott zu sprechen, denn wie etwas erfassen, was nicht zu erfassen ist. Es gilt die Grenzen des Wissens prinzipiell anzuerkennen, auch wenn sich diese durch neue Erkenntnisse und Entdeckungen immer wieder neu verschieben. Gleichzeitig kann es keine religiöse Gewissheit geben und es müssen Traditionen immer wieder neu hinterfragt werden. Die vielleicht bekannte Geschichte mit der Pfanne für den Lammbraten ist hier ein gutes Beispiel. Erst als der frisch angetraute Ehemann die Schwieger-Großmutter befragte, lüftete sich das Geheimnis um die eigenartige Schlichtung des Lammbratens in die Pfanne, wie es „Tradition“ war und es seine Frau, von ihrer Mutter übernommen, praktizierte. Der Grund war ein vor Jahrzehnten verwendetes kleines Backrohr mit ebensolcher Pfanne. Obwohl sich das Equipment inzwischen lange verändert hatte, wurde am „Ritual“ immer noch festgehalten. Diese Geschichte zeigt uns, dass es wichtig ist, immer wieder neu zu lernen, und dass lebendiger Glauben mit Vertrauen und Einlassen, und weniger mit Lehrsätzen zu tun hat. Dann finden wir vielleicht auch ein zeitgemäßes Bild, das uns hilft Gott im Heute für uns zu erkennen und seine liebende Nähe zu erfahren.

Gott ist also genauso „modern“ oder „alt“ wie der Mensch, oder das Bild, welches er sich von ihm macht. Dieses wird immer nur ein Schatten jenes wirklichen Bildes sein, das niemand von uns erfassen oder gar sehen kann. Er ist, „der ich bin da“, immer und überall, in jedem Tropfen und in jedem Sandkorn. Es bedeutet gleichzeitig aber auch die Einladung: „Ich möchte bei Dir sein, dein Freund und Helfer sein, sofern Du es zulässt.“ Es liegt somit an jedem einzelnen von uns, sich auf das Abenteuer Gott und Glauben einzulassen, es zu vertiefen und sich davon beschenken zu lassen.

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