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Jesus begegnet den weinenden Frauen

Mitgefühl und Empathie

“Es folgte eine große Menschenmenge, darunter auch Frauen, die um ihn klagten und weinten. Jesus wandte sich zu ihnen um und sagte: Ihr Frauen von Jerusalem, weint nicht über mich; weint über euch und eure Kinder!” (Lukas 22,27-28)

Einige Frauen, welche Zeuginnen des Zusammenbruchs Jesu werden, sind im Innersten bewegt durch das Leid eines andern, selbst wenn dieser Andere ein „Verbrecher“ wäre. Sie stellen ihn nicht in Frage, sie stellen auch keine Frage nach Schuld oder Unschuld, sie sehen einfach den zerbrochenen, gequälten, bis aufs äußerste geschundenen Menschen.

Mitgefühl wird heute zur Empathie gezählt, womit die Fähigkeit und Bereitschaft bezeichnet wird, Empfindungen, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen. Ihre Grundlage ist die Selbstwahrnehmung; denn je offener eine Person für ihre eigenen Emotionen ist, desto besser kann sie auch die Gefühle anderer deuten.

Obwohl sie als Haltung zutiefst friedlich und auch friedensstiftend ist, ist sie gleichzeitig nicht nett oder gar konturenlos. Denn Mitgefühl gibt nicht nur den Impuls, aktiv zu helfen, sondern ermutigt uns auch, klar Stellung zu beziehen, etwa gegen Hass, Grausamkeit und Ausbeutung. Mitgefühl und Empathie stehen in einem engen Verhältnis zueinander. Wir brauchen Empathie, um uns in das Leiden eines anderen Lebewesens einfühlen zu können. Doch Empathie muss in der unabhängigen Haltung des Mitgefühls verankert sein, damit man sich nicht im Leiden verstrickt und schließlich erschöpft abwendet.

Der empathische Reflex kann leicht dazu führen, dass wir auf falsche Weise reagieren. Studien belegen, dass Empathie rachsüchtiger macht. Solche Rachegefühle, die aus Empathie für die Opfer entstehen, können zu Vergeltungsschlägen verleiten, die niemandem helfen – sie waren und sind vielleicht auch Ursache für manche Kriege. Deshalb ist zu beachten: Empathie heißt: Ich fühle das, was ein anderer Mensch fühlt. Mitgefühl aber bedeutet: Ich kümmere mich um den anderen, ich sorge für ihn.

Genau dies kommt im Satz von Jesus ganz oben zum Ausdruck. Empathie ist ein Bauchgefühl, das uns wegschwemmt. Die Frauen konnten Jesus in dieser Situation nicht helfen, obwohl sie stark davon berührt waren. Das andere Extrem ist die kalte, nüchterne Rationalität, die sich von Gefühlen überhaupt nicht beeindrucken lässt. Das Mitgefühl dagegen liegt irgendwo dazwischen, es spricht das Herz an, hört aber auch auf die Gründe der Vernunft. Und das ist genau das, was wir heute kultivieren müssen, wenn wir der Welt ein menschlicheres Antlitz geben wollen.

Wenn wir wirklich helfen wollen, reicht es nicht aus, ein paar Münzen dem nächsten Straßenkind in die Hand zu drücken. Mitunter verschlimmern wir damit die Situation noch. Vielmehr bringt es, massiv auf nachhaltige Änderungen in Politik und Wirtschaft zu drängen, damit Menschen von Jugend an Perspektiven haben, die sie auch erreichen können.

 

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