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Fritz von Uhde - Die Flucht nach Ägypten (um 1891)

Fritz von Uhde – Die Flucht nach Ägypten (um 1891)

Eine Psalm-Meditation (Ps 69)

Gott, hilf mir! Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle.

Wir gedenken heute der Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, weil sie dort ein menschenwürdiges Leben nicht mehr führen konnten. Viele von ihnen haben sich eine Zuflucht und eine neue Heimat in Europa erhofft. Sie haben ihr Hab und Gut eingesetzt und ihre Gesundheit und ihr Leben auf Spiel gesetzt. Allzu viele sind dabei ums Leben gekommen. Dieses Unglück und dieser Skandal haben viele Dimensionen. Da sind zuerst die Geschichten der Opfer und ihrer Angehörigen. Aber es geht hier nicht nur um einzelne Menschen, sondern um unvorstellbar große Zahlen. Ihr Tod war nicht ein unvermeidbares Schicksal, sondern er ist in vielen Fällen durch aktives Handeln oder durch unterlassene Hilfeleistung verursacht worden. Und schließlich geht es darum, was diese Toten uns bedeuten und wie wir aus unserer Zuschauerrolle heraustreten können.

Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist; Ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen.

Seit 1993 haben mehr als 16.000 Menschen den Tod an den Grenzen Europas gefunden. Der Tod dieser Menschen wurde dokumentiert durch Berichte in der Presse oder durch Berichte von staatlichen oder nicht-staatlichen Stellen. Nicht bekannt ist die Zahl der Toten, die niemand registriert und gezählt hat, die Zahl der Menschen, die namenlos verschwunden sind. Alle diese Menschen haben ein Leben in Sicherheit und Würde, ein Leben ohne Angst und Hunger gesucht. Die Türen Europas blieben für sie für immer verschlossen.

Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser.

Die meisten Opfer sind im Meer oder in Grenzflüssen ertrunken. Andere sind in Containern erstickt, in den Wüsten verdurstet, von Minen an der Grenze zwischen Griechenland und der Türkei zerfetzt, in den Bergen oder in den Fahrgestellen von Flugzeugen erfroren, unter Zügen oder LKWs ums Leben gekommen oder von Grenzpolizisten erschossen worden. Allein im ersten Halbjahr 2011 sind über 2.000 Menschen bei dem Versuch, von Libyen und Tunesien aus nach Europa zu gelangen, ums Leben gekommen.

Meine Augen sind trübe geworden, weil ich so lange harren muss auf meinen Gott.

Im August 2009 treibt ein Boot mit 82 Männern, Frauen und Kindern ohne Antrieb im Meer zwischen der afrikanischen Küste und Sizilien. Die Insassen kamen aus Eritrea, Äthiopien und Nigeria. 23 Tage lang müssen die Flüchtlinge miterleben, wie immer wieder Schiffe an ihnen vorbeifahren. Keines hält an. Keines leistet Hilfe. Niemand informiert Rettungskräfte. Nacheinander verdursten und verhungern die Menschen. Manche stürzen sich ins Wasser. Als schließlich ein Schiff zur Hilfe eilt, sind 77 Menschen gestorben. Nur fünf haben das Unglück überlebt. ´ 9

Ich aber bete zu dir, Herr, zur Zeit der Gnade; Gott, nach deiner großen Güte erhöre mich mit deiner treuen Hilfe.

Hören wir auf die Stimme eines Großvaters aus Eritrea, der seine 22 jährige Enkelin bei dem Unglück verloren hat: Der Sinn der menschlichen Existenz hört da auf, wo Europas Außen-grenzen und die Abschottungspolitik der Europäischen Union beginnt. Der Tod unserer Kinder ist eine Hinrichtung, die durch die europäische Abschottungspolitik verursacht wird. Meine Enkelin starb einen sehr qualvollen Tod, obwohl sie hätte gerettet werden können. Mit ihren gerade einmal 22 Jahren hat man ihr das Leben genommen. Mich berührt oder schmerzt nicht nur der schreckliche Tod meiner Enkeltochter. Ich trauere um jedes einzelne Opfer, das einen so qualvollen Tod erlitten hat. Ich nehme jeden Morgen, Mittag und Abend Abschied von ihnen. Und dennoch träume ich, dass die jungen Menschen eines Tages nach Hause zu-rückkommen werden. Das bedeutet für uns als Familie Hoffnung ohne Ende. Und das tut am meisten weh. Diese Tragödien haben mit der Angst und Unsicherheit vieler Europäer vor anders aussehenden Mitmenschen zu tun.

Gemeinde: Errette mich aus dem Schlamm, dass ich nicht versinke,

Weiter schreibt der Großvater: Wie kann es sein, dass unsere Kinder 23 lange Tage von etlichen Schiffen gesehen und dennoch nicht gerettet wurden? Meines Erachtens ist das menschenverachtend. Ich glaube, es gibt heut zu Tage nicht mehr so viele Menschen mit Zivilcourage, Ehrgefühl und Moral in Europa. Allein wenn ich an die Fischer und das Marine-Personal denke, die an den nach Hilfe schreienden Menschen vorbei gefahren sind und nichts unternommen haben, weil sie Angst um ihre Existenz hatten, empfinde ich absolut kein Verständnis. … Die neue Dimension der Gleichgültigkeit den Menschen gegenüber ist noch gefährlicher als Hass. Wenn du jemanden hasst, so erkennst du immerhin seine Existenz an, in dem er dir ein Dorn im Auge ist. Ist Dir jemand vollkommen gleichgültig, so erkennst Du nicht ein-mal seine Existenz an. Und das ist gefährlich und zwar für alle Kontinente dieser Erde.

… dass ich errettet werde vor denen, die mich hassen, und aus den tiefen Wassern,

Der Großvater aus Eritrea gibt uns einen Rat:

Daher soll uns klar sein, die wir an Menschenrechte und an Menschlichkeit glauben – egal ob wir Afrikaner, Amerikaner, Asiaten, Australier oder Europäer sind –, dass jeder von uns verpflichtet ist, das ganze Ausmaß der Tragödien im Mittelmeer weltbekannt zu machen. Wer diese Tat heute nicht verurteilt, wird sich morgen nicht auf ein menschenwürdiges Europa freuen. Die Leute, die im Namen Europas den Tod so vieler Menschen in Kauf nehmen, verraten Europa.

… dass mich die Flut nicht ersäufe und die Tiefe nicht verschlinge und das Loch des Brunnens sich nicht über mir schließe.

Am Schluss vergisst der Mann aus Eritrea nicht die Menschen, die zu helfen versuchen:

Die positiven Erfahrungen mit manchen Europäern und Europäerinnen will ich aber nicht außer Acht lassen. Z.B. mit dem italienischen Anwalt, seiner Assistentin und deutschen Organisationen wie beispielsweise borderline-europe, die uns immer noch durch die harten und schmerzhaften Zeiten begleiten.

Erhöre mich, Herr, denn deine Güte ist tröstlich; Wende dich zu mir nach deiner großen Barmherzigkeit und verbirg dein Angesicht nicht vor deinem Knechte, denn mir ist angst; erhöre mich eilends.

Dass so viele Schiffe an diesem wie an anderen Flüchtlingsbooten vorbeifuhren, liegt nicht nur an der Gleichgültigkeit der Schiffsbesatzungen. Manche Retter wurden vor Gericht ge-stellt und mit Strafe bedroht, weil sie die Schiffbrüchigen angeblich illegal an Land gebracht hätten. Auch Deutschland und die andere Länder der Europäischen Union verweigern ihre Hilfe. Denn sie sind nicht bereit, den Schiffsbesatzungen die Abnahme der geretteten Schiff-brüchigen zu garantieren. Sie tun das auch in unserem Namen. Wir sitzen mit ihnen im Boot, wenn Rettung verweigert wird.

Nahe dich zu meiner Seele und erlöse sie, Gott, deine Hilfe schütze mich!

Und wir beten zu Gott:

Lass uns nicht der Versuchung nachgeben, wir könnten mit unserer kleinen Kraft ja doch nichts erreichen. Hilf uns, unsere Gleichgültigkeit zu überwinden. Lass uns das tun, was uns möglich ist. Wir können beten. Wir können Fürbitte halten. Wir können den Mund aufmachen für die Stummen. Wir können etwas dafür tun, dass die Toten nicht vergessen werden. Wir können diejenigen unterstützen, die den Flüchtlingen vor Ort zu helfen versuchen. Wir können daran mitwirken, dass Flüchtlinge in unseren Kirchen willkommen geheißen werden. Wir können uns dafür einsetzen, dass unsere Regierungen Aufnahmeprogramme für Flüchtlinge einrichten und wirkungsvolle Maßnahmen zur Rettung Schiffbrüchiger ergreifen. Gott, deine Hilfe schütze uns.

Amen.

(Aktualisierte Fassung eines Psalmgebets im Gottesdienst zum Tag der Fürbitte und des Gedenkens an die Toten an den Grenzen Europas am 26.6.11, in der Ev. Heilig Kreuz Kir-che, Berlin Kreuzberg.)

 

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