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Teil 1: Die Metapher vom Salvatorianischen Baum

Wenn wir heute auf die Salvatorianische Familie schauen, so können wir darin einen mehr oder weniger jungen Baum erkennen. Sicher alle Mitglieder der Salvatorianischen Familie werden sich darüber einig sein, dass Gott großes mit Johann Baptist Jordan[1] vorhatte. Nicht von ungefähr begegnete ihm der Hl. Geist in Form einer weißen Taube bei der Erstkommunion, was ihm nebenbei die Rüge des Pfarrers aufgrund seiner „unwürdigen Faxen“ einbrachte. Wahrscheinlich wurde ihm in diesem Augenblick ein spezieller Same in die Hand gegeben und eine Idee in seinem Geist verankert. Für eine längere Zeit wusste Johann Baptist nun nicht so recht, was dieses Geschenk denn zu bedeuten habe und was er damit anfangen sollte. Doch der Boden war bereits bestens vorbereitet, die äußeren Gegebenheiten und das Klima gegeben.

Ach ja – lieber Leser, Sie haben natürlich recht, wenn Sie nun meinen, Johann Baptist hat niemals seine Vision in Gestalt eines Baumes gesehen oder erkannt. Doch versuchen Sie jetzt für die kommenden Zeilen einen offenen Geist zu haben und Sie werden sehen, dieser Vergleich kann und wird sehr interessant sein.

Aber zurück zu Johann Baptist und der Metapher. Wie man anhand seiner Lebensgeschichte erkennen kann, so war es für ihn nicht einfach das Profil und den Charakter, ja den Sinn seines geplanten Werkes anderen Menschen seiner Zeit verständlich zu machen. Damals hatte man noch ein komplett anderes Bild von Gott und Verständnis der katholischen Kirche. Jordans „Vorstellung“ einer „universellen Pflanze“ die auf jedem Boden, ob feucht oder trocken, fruchtbar oder unfruchtbar, gedeiht, die mit jedem Wetter zurechtkommt, passte nicht zu den „heiligen Sichtweisen“ jener Zeit. Darüber hinaus war „Jordans Pflanze“ absolut nicht spektakulär, etwa mit bezaubernden Blüten oder wohlschmeckenden neuartigen Früchten. Viel mehr waren ihre Stärken eher einfach und universell – „also für Alles und Nichts“ – wie einige Zeitgenossen ihm später auch vorwarfen.

Die ursprüngliche Gestalt des Baumes

Die Zweige des Salvatorianischen Baumes, so wie Sie Pater Franziskus Jordan ursprünglich angedacht hatte, passten nicht zur kirchlichen Lehrmeinung jener Zeit. Weshalb sie, zur großen Enttäuschung von P. Franziskus, unmittelbar zurück geschnitten wurden. Der Zweig der Laien wurde komplett abgeschnitten, da er als völlig unnötig angesehen wurde. Die allgemeine Meinung bzw. das Verständnis jener Zeit für solch einen Baum war: er hatte zu stehen wie ein Zinnsoldat, aufrecht, gerade gewachsen, ganz nach der menschlichen Vorstellung. – Was sonst?

Mittlerweile gewannen wir und die Kirche mehr Erkenntnis. Wir entdeckten, dass die Natur, und in dieser Weise Gottes Paradies, nicht unseren menschlichen Vorstellungen entspricht. Es passt nicht in unsere begrenzten Dimensionen. Etwas, das wir etwa schnell als „wertlos“ bezeichnen hat seinen eigenen, besonderen Wert in Gottes Plan.

Zumindest erlaubte der Geist jener Zeit großherzig die Gründung eines zweiten zusätzlichen Zweiges. Allerdings musste dieser erste Ansatz eines zweiten Zweiges aus anderen Gründen zeitig abgeschnitten werden. Doch wurde er mit Sorgfalt behandelt, bekam selbst Wurzeln und existiert als eigenständiger Ableger bis heute – die Gemeinschaft der Addolorata-Schwestern.

Doch nach einer Weile war es an der Zeit, den Versuch zu wiederholen – der junge Baum bekam nochmals einen zweiten Trieb. Dieser folgte nun dem ersten mit Erfolg – halt auf einer anderen Seite. Beide mussten sich nun ein wenig voneinander abstoßen und lernen, sich in die jeweils eigene Richtung zu neigen, denn sonst hätten sie sich gegenseitig andauernd behindert – etwa indem sie einander das Licht oder das Wasser genommen hätten. Später dann, als diese Gefahr gebannt war, wuchsen sie wieder näher zusammen und erkannten erneut ihre gemeinsamen Wurzeln.

Die Zeit und mit ihr das geistige Klima hatten sich verändert und weiter entwickelt. Eine frische Brise erfasste den Baum und hinterließ manch abgefallene kleine Zweige und Blätter. Der Baum selbst ließ sich davon nicht beirren. Er wusste was seine Aufgabe war und was er imstande sein sollte zu bewirken. Es war nun an der Zeit, sich seiner ursprünglich vorgesehenen Gestalt zu erinnern.

Aus den Verzweigungspunkten der beiden Zweige entsprangen neu Knospen. Erst ein paar, dann mehr, die zusammen einen neuen Zweig formten – und dieser dritte begann den beiden anderen zu folgen.

Die heutige Gestalt des Baumes

Wenn wir nun mit den Augen eines Gärtners diesen Baum betrachten, können wir uns freuen und sehr zufrieden mit ihm sein. Seine Wuchskraft und sein Wille zur Entwicklung sind großartig. Das einzig erkennbare Manko wäre vielleicht, dass seine Gestalt immer noch nicht der ursprünglich angedachten Gestalt gleicht. Doch liegt es nun an uns, den Mitgliedern der drei Zweige, dem Baum, so gut es eben geht, zu einer annähernd ursprünglichen Form, heranzuziehen. Doch muss uns dabei klar sein, dass wir die geschichtlichen Eingriffe nicht ungeschehen machen können. Wir können nicht an jene Stelle zurück, bevor die ersten Einschnitte erfolgt sind. Doch wir können mit gemeinsamer Sorgfalt versuchen mit den nunmehr drei Hauptzweigen, der ursprünglichen Form nahe zu kommen. Dafür benötigen wir untereinander gegenseitige Rücksichtnahme, Toleranz und Unterstützung – soweit als eben möglich. Dabei gilt es zu beachten, dass jeder Zweig eine andere Ausrichtung zur Sonne hat und damit auch einen anderen Betrachtungspunkt. So unterschiedlich jeder der drei Zweige ist, so unterschiedlich ist ihre Versorgung durch den Baum. Sie haben nicht dieselben Anforderungen und Möglichkeiten.

Damit etwa der jüngste Zweig, in ähnlicher Weise wie die beiden ihn überragenden, fähig zur Weiterentwicklung ist, müssen diese nicht zurück geschnitten werden. Vielmehr reicht es, wenn sie sich ein wenig zur Seite neigen. Das kann natürlich ein wenig unangenehm sein oder auch manchmal ein wenig schmerzen, doch ist uns dies zur Erreichung des gemeinsamen Zieles – der Salvatorianischen Familie – nicht wert?

Natürlich kann im Prinzip jeder Zweig ohne die beiden anderen existieren, keine Frage. Viel mehr ist eine Frage: Was wollen wir gemeinsam haben? Diese nun vorhandene „universelle Pflanze“, die uns von Pater Franziskus Jordan in seinen frühen Jahren gegeben wurde? Diese Pflanze, die versucht im Zusammenspiel verschiedenster Kräfte ihre Pracht und Effektivität zu entfalten, um ihre perfekte Form zu gewinnen und damit zu einem starken Baum heran zuwachsen? – Oder wollen wir lieber eine liebliche, zurück geschnittene, teilweise nur dekorative Pflanze, die nie zu ihrer vollen Entfaltung kommen wird?

 

Im nächsten Teil: Leben in der Gegenwart – Was ist heute wichtig?

 


Dieser Text entstammt dem Vortrag „Die Salvatorianische Familie – ein ungewöhnlicher Blick aus der Perspektive des dritten Zweiges“ von Christian Patzl anlässlich Tagung „Salvatorians: On fire with the Spirit“ der US-amerikanischen Salvatorianischen Familie vom 22.06.2016

[1] → an dieser Stelle wird mit Absicht P. Franziskus Jordan’s Jugendname verwendet.

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